Angesichts des missbrauchenden Gottes: Eine Protesttheologie

Angesichts des missbrauchenden Gottes:Eine Protesttheologie [1]

 

Einleitung

Drei traditionelle Antworten zur Theodizeefrage

Eine neue Versuch zur Theodizeefrage

Einsichten aus dem Gebiet der Behandlung vom Missbrauch

Theologische Conclusionen

Protesttheologie

Psalm 44

 Einleitung

Ich muss zuerst Herrn Professor Jürgen Maneman; seiner Frau, Birgit; und der Theologische Fakultät der Universität meinen Dank für ihre Einladung zu diesen Vorträgen aussprechen. Die beiden Themen, Protesttheologie als Antwort auf der Theodizeefrage und die Banalität des Guten und des Bösen, liegen mir sehr am Herzen als Mensch, als Jude, als Theologe, und als jemand in der Führung der heutigen jüdischen Gemeinde. Diese Themen zu besprechen hier in Deutschland — also, im Schatten der Geschichte der Juden in Europa in unserer Zeit — ist mir auch wichtig. Ich danke auch allen, die an diese Vorlesungen teilnehmen. In diesen Vorträgen werden wir das Unhörbare hören und das Undenkbare denken, und ich sage jetzt allen, die sich dieser Gegenübersetzung mit dem Abscheu des Bösen, sowohl psychologisch wie theologisch, aussetzen meinen Dank.

Der berühmte Österreichische psychoanalytiker, Viktor Frankl, bemerkt in seinem Buch Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager (= Man’s Search for Meaning), dass Menschen freiwillig über ihr sexuelles, aber sehr zögernd über ihr spirituelles oder religiöses, Leben sprechen. Meiner Erfahrung nach hat Frankl recht: es ist leichter über Sexualität als über Geistliches zu sprechen. Das spirituelle ist im tiefsten unseres Seins; das geistliche im innersten unseres Lebens. Unsere Gedanken über Gott, unsere Gefühle über das Leben, sind uns sehr intim. Doch müssen wir, weil es das wichtigste in unserem Sein und Zusammensein ist, davon sprechen. Also, wir wollen heute vom holocaust, dem peinlichsten und erschreckendsten Thema unserer Zeit, sprechen und wir wollen auch von Gott, dem innigsten und spirituellesten Thema unseres Lebens, sprechen.

Wir sind schon drei Generationen seriöser Juden und Christen, die das Thema des holocaustes[2] bedenken. Wir sind krank, nicht nur im Herzen aber auch im Magen, von der Grausamkeit: wie kann man einer Frau, die ein Kind zur Welt bringt, die Beine zusammenbinden so dass sie nicht gebären kann? Wir sind bedrückt, psychologisch und geistlich, von dem Hass: wie kann man ein neugeborenes Kind aus Hass zu seinen unbekannten doch jüdischen Eltern ins Feuer werfen? Wir sind verlegen über die Gleichgültigkeit der Hundertmillionen die passiv alles mitgemacht haben. Wir sind auch zerissen von Schuldgefühlen obwohl wir nicht da waren. Die schiere Tatsächlichkeit dieser Ereignisse bringt uns zum Schweigen. Im tiefsten, wollen wir dieses Kapitel unserer Gechichte leugnen aber wir können nicht, weil es geschah: Europa wurde fast Judenrein. Als Jude ist es besonders schwer. Ich bin im Dezember 1938 in Houston Texas geboren. Und wenn ich im Dezember 1938 in Warschau geboren wäre? oder in Budapest? oder auch in Wien? Ich lese und ich sehe Filme, und ich weiss: das bin ich, da gehe ich. Ich kenne auch junge deutsche Leute die es schwer haben. Sie sehen Bilder oder stellen kühn Fragen, und sie wissen: das war mein Grossvater, das hat meine Grossmutter gemacht. Der holocaust dringt so tief in unsere Geschichte und in unser Bewusstsein ein, dass unsere Zeit “Das Jahrhudert des holocaustes (und der Atombombe)” gennant wird.

Doch gibt es noch eine Frage: wo war Gott? Wie hat Gott den holocaust geschehen lassen? Was war eigentlich die Beziehung Gottes zu der menschlichen, und besonders der jüdischen, Geschichte während des holocaustes? Mit dieser Frage und seinen Antworten möchte ich auf keinen Fall Menschen von Schuld freisprechen. Die Ermorderung von sechs millionen Juden wurde von Menschen ausgeführt, und hundertmillionen mehr Menschen haben zugesehen. Also, die konkrete Verantwortung tragen diese Menschen und, zugleich, wir, insoweit wir nicht gegen etwas ähnliches kämpfen. Das soll ganz klar sein: die theologische Frage lässt die Menschheit nicht freisprechen. Es soll niemand dieses Zimmer verlassen und sagen: der Rabbiner Professor hat gesagt, `Gott hätte den holocaust verursacht, oder erlaubt, und daher sind wir alle schuldlos.’ Das sage ich nicht, und meine ich gar nicht. Ich sage: wir, Menschen, haben den holocaust verursacht; wir sind verantwortlich; und wir müssen gegen den Rassismus, gegen den Antisemitismus, und gegen den Hass der anderen mit allen unseren Kräften kämpfen — keine Flucht vor dieser Pflicht. Doch gibt es eine theologische Frage weil wir, als religiöse Juden und Christen, an die Vorsorge Gottes glauben. Wir verankern unser spirituelles Leben in der andauernden Gegenwärtigkeit Gottes in unserem persönlichen sowohl wie in unserem nationalen Leben. Also, wo war Gott im holocaust?

Drei traditionelle Antworten zur Theodizeefrage
return to head of document

Die Tradition gibt darauf drei Antworten. Die erste: mit dem holocaust hat Gott uns, das jüdische Volk, bestrafft. In einem berühmten Interview mit Pastor Heinrich Grüber, dem Dekan der evangelischen Kirche in Berlin nach dem Krieg und Mitglied des deutschen Widerstands während des Krieges, schrieb Richard Rubenstein, dass Pastor Grüber der Meinung war, dass Gott die Juden bestraft hat, weil sie Jesus nicht akzeptiert haben. Grüber selbst hat diese Meinung abgelehnt und mit ihm die meisten der seriösen christlichen post-holocaust Theologen. Aber als mein Buch veröffentlicht wurde, bekam ich mehrere Briefe, immer sehr lang, mit demselben Thema: die Juden haben Jesus verleugnet und der holocaust sei die Strafe dafür. Diese Straftheologie hatte man in jüdischen Kreisen bis zur ein paar Jahren nur selten gehört. Jetzt aber hört man aus jüdischen fundamentalistischen Kreisen oft: der holocaust sei Strafe für die Säkularisierung und Irreligiösigkeit der Juden in der modernen Zeit. Ich gebe zu, dass Juden seit der Aufklärung sehr säkularisiert worden sind. Es gab sozialistische und nationalistische Bewegungen schon im letzten Jahrhundert. Es gab auch viel Assimilation und Konvertierungen zum Christentum. Aber ich verweise jeden Versuch, diese sogennante Sünde als Rechtfertigung für einen holocaust zu sehen. Könnte jemand denken, dass die Säkularisierung der Juden dem Tod von sechs Millionen gemäss sei? Könnte jemand denken, dass selbst die Verweigerung der jüdischen Religion von Seiten vieler Juden bemessen werden kann mit der Ermoderung von anderthalb million jüdischer Kinder? Ich nicht, und mit mir millionen von seriösen religiösen Juden.

Die zweite Antwort lehnt alle Verantwortung Gottes ab. Der holocaust war eine Tat nur der Menschen und nur Menschen tragen dafür Verantwortung. Theologisch betrachtet ist diese Antwort im Dogma des freien Willens begründet; das heisst Gott, um eine gerechte Welt zu beherrschen, hat der Menschheit den freien Willen gegeben. Danach können wir unsere Taten auswählen und die angemessene Vergeltung folgt. Was uns passiert, ist basiert auf dem, was wir gemacht haben, oder auf der Gnade Gottes; Gott selbst trägt keine Verantwortung für unser Schicksal. Diese Antwort scheint sehr logisch und konsequent, aber ich bin nicht damit zufrieden, weil wir in unserem spirituellen Leben die aktive Anwesenheit Gottes, die lebende Gegenwärtigkeit Gottes, in allem was wir tun erfahren. Wir können nicht sagen: Gott hat uns geschaffen und den freien Willen gegeben, und hat uns dann verlassen. Umgekehrt sagen wir: Gott hat uns den freien Willen gegeben, doch ist Gott aktiv in unserem persönlichen und nationalen Leben. Die jüdische Religion kennt seit Jahrtausenden dieses Problem der Spannung zwischen dem freien Willen und der Vorsorge Gottes und sie lehrt beides — dass Gott aktiv in unserer Welt ist und dass Menschen freien Willen haben — obwohl ein logischer Widerspruch daraus entsteht. Ich nehme diesen Widerspruch als authentische Lehre an und ich suche eine Antwort auf die holocaustfrage, die beide Prinzipien erklärt: Die Menschen tragen die Verantwortung aber Gott ist auch verantwortlich, weil Gott eine aktive Anwesenheit in unserem Leben ist. Jede Antwort, die eines dieser beiden Prinzipien ablehnt, ist falsch.

Als Bildwort für dieses Dilemma gebe ich immer das folgende Beispiel. Jeder Vater oder jede Mutter eines Jungen, der das Alter von Autofahren erreicht hat, kennt das Dilemma der Vorsorge Gottes. Wenn ich meinem Kind die Schlüssel zum Auto gebe, verstehe ich Gott. Und wenn das Kind, Gott behüte, mit dieser grossen Machine jemanden tötet oder verletzt, wer trägt die Verantwortung? Der Junge, natürlich; aber ich auch — nicht direkt, weil ich nicht mit ihm war; aber indirekt. Auch wenn ich alles, um das Kind in Autofahren zu erziehen, getan habe; wenn etwas passiert, fühle ich mich schuldig und trage auch Verantwortung. So ist es mit Gott und der menschlichen Geschichte: wir tragen die Verantwortung, aber Gott auch.

Die dritte Antwort behauptet, dass Gott anwesend ist aber “sein Antlitz verbirgt.” Dieses Bildwort für die Abwesenheit Gottes erscheint oft in der Bibel. Martin Buber hat es erneuert mit dem Ausdruck, “die Verfinsterung Gottes.” In streng-philosophischer Sprache sagt man: Gott sei anwesend aber nicht ursächlich. Meiner Meinung nach ist dies ein gutes Bild, aber schlechte Theologie. Es ist wahr, dass wir von Zeit zu Zeit die Abwesenheit Gottes erfahren; dennoch wissen wir aus früherer Erfahrung, dass Gott zu uns zurückkehren wird. Wir wissen und glauben an die Gegenwärtigkeit Gottes, selbst in seiner Abwesenheit. Die Verfinsterung Gottes erklärt nichts. Wieder, dann, müssen wir fragen: wo war Gott? Wie hat Gott den holocaust erlaubt?

Eine neue Versuch zur Theodizeefrage
return to head of document

Im Ringen nach einer Antwort behaupte ich, erstens dass wir die Straftheodizee sowohl wie jeden Versuch Gott von diesen Momenten der Geschichte auszuschliessen, ablehnen müssen. Zweitens, daraus folgend, behaupte ich, dass wir die Gegenwärtigkeit Gottes und den holocaust in einer theologischen Weltanschauung zusammen bringen müssen, selbst wenn es schwer und unangenehm ist. Drittens, müssen wir die unabwendbare Verantwortung der Menschen, aber gleichzeitig die unabwendbare Verantwortung Gottes bejahen. Wir müssen die Anwesenheit Gottes und der Menschen im holocaust bezeugen.

Mit diesen Voraussetzungen habe ich mir vorgenommen dieses Problem auszudenken. Nach vielen Jahren theologischer Erziehung und beruflicher Praxis, bin ich zum Entschluss gekommen, dass die Tradition Hilfe braucht, sozusagen. Daher wendete ich mich an ein nicht-theologisches Gebiet, um daraus etwas nützliches zu lernen. Dieser Vorgang ist der Theologie sehr bekannt. Im Mittelalter sind Denker aus der Theologie in die Welt des Aristotelismus geschritten. Dort haben sie eine neue Weisheit gelernt und dannach sind diese Denker zur Religion mit dieser Weisheit zurückgekehrt um dort eine neue Theologie auszuarbeiten. So kamen wir zu der `philosophischen Theologie’ die noch heute im Judentum sowie im Christentum vorherrscht. Als ich ein neues Weisheitsgebiet suchte, lehnte ich aus verschieden Gründen die Philosophie ab und wendete mich an die Psychologie, die in allen ihren verschiedenen Schulen, die beherrschende Weltanschauung des zwanzigsten Jahrhunderts ist. Ich hatte selbst eine Psychoanalyse abgeschlossen, und einige Mal während der Jahre ist es mir gelungen, einen Psychotherapeuten zu sprechen.

Einsichten aus dem Gebiet der Behandlung vom Missbrauch
return to head of document

Als erstes ging ich zu dem Georgia Council on Child Abuse. Der Georgia Council on Child Abuse ist politisch sowohl wie therapeutisch tätig. Der Direktor hat mich an die monatliche Beaufsichtigung verwiesen, wo alle Therapeuten, die Gruppentherapie für den Council abhalten, sich treffen um ihre Probleme zu teilen und diskutieren. Ich war der einzige nicht-Therapeut und es war sehr zuvorkommend, dass sie mich daran teilnehmen liessen. In dieser Gruppe habe ich das Unglaubliche gehört: die unmittelbare Geschichten von Frauen, die als Kinder missbraucht wurden. Ich selbst habe meine Kinder angeschrieen, auch einpaar Mal ziemlich haltloss. Ich gebe auch zu, dass ich meine Hand gegen meine Söhne erhoben habe, aber selten; und nie geschlagen oder geprügelt. Die Geschichten, aber, die ich dort gehört habe sprachen von Missbrauch: es wurde geschlagen, mit Gürteln und Peitschen geprügelt, mit Zigaretten und kochendem Wasser gebrannt, und so weiter. Diese Geschichten sprachen von Mädchen, die mit drei Jahren vergewaltigt wurden; oder mit funf Jahren Orale-sex erleiden mussten. Ich habe auch gehört wie schwer es war Therapeut für solche Menschen zu sein. Dann habe ich angefangen zu lesen, und es gibt, leider, eine wachsende Literatur über Missbrauch.

Lange habe ich zugehört und lange habe ich gelesen. Daraus habe ich vier Prinzipien entnommen, die später für meine erneuerte Theologie wichtig wurden. Erstens, Missbrauch ist nie die Schuld des Kindes; Nie. Fast immer wurde dem Kind gesagt, `Es ist deine Schuld; hättest du nur das getan, so wäre es nicht passiert.’ Das ist nie wahr, aber nie. Natürlich machen alle Kinder Fehler, aber welcher Fehler gerechtfertigt das Schlagen mit Peitschen? Welcher Fehler gerechtfertigt das Verbrennen? Gibt es eine Schuld, die die Vergewaltigung eines Mädchens losspricht? Missbrauch bedeutet, dass die ausgeübte Gewalt unverdient war. Darin liegt der Unterschied zwischen Strafe und Missbrauch: Strafe ist par Definitionem der Schuld entsprechend und Missbrauch ist der Schuld nicht entsprechend. Missbrauch ist Übergewalt, Überkraft; das heisst, Kraft die der Schuld nicht entspricht. Deshalb ist Missbrauch nie die Schuld des Kindes, immer die Schuld des Erwachsenen.

Zweitens, Missbrauch, besonders sexueller Missbrauch, wird immer geheimgehalten. Dem Kind wurde gesagt, `Du darfst nie darüber sprechen. Wenn du darüber sprichst, werde ich deiner Schwester genau dasselbe antun’; oder `werde ich deinen Geck töten’; und so weiter. Kein Kind würde es unter solchen Drohungen wagen davon zu sprechen, so sehr es auch litt. Diese Geheimnishalterei ist noch schwerer wenn der Missbraucher dem Kind diese Tat als Liebe vorstellt. Wenn der Vater behauptet, dass seine sexuelle Beziehung zu seiner zehnjährigen Tochter eine Liebeserklärung sei, ist diese Beziehung vielleicht nicht physisch gewaltsam aber sie ist ohne Zweifel eine emotionelle Vergewaltigung des Kindes, und muss unter den Siegel des Schweigens sein. Ein grosser Teil des Heilungsprozesses für Missbrauchüberlebende ist diese Geheimnisvollkeit zu brechen und den Missbrauch als solchen zu benennen.

Drittens, Missbrauchüberlebende leiden und dieses Leiden dringt tief in die Persönlichkeit und Seele ein. Es gibt keine Therapeuten die nicht weinen; es gibt keine Mithörer die sich nicht hilflos fühlen, und Zorn und tiefe Sympathie nicht empfinden. Das Leiden des Überlebenden bespricht sich in drei Eigenschaften: (a) Missbrauchüberlebende sind überwachsam. Wir sind alle wachsam aber Missbrauchüberlebende sind überwachsam — und mit Recht. Der Vater kommt nach Hause; das Kind muss in einem Augenblick evaluieren ob ein Ausbruch von Ungestürm kommt oder ob es ein bisschen Ruhe geben wird. Man isst am Tisch und man weisst nie wann eine Explosion kommt. Das Kind muss immer, um sich selbst zu verteidigen, wachsam sein. Diese Überwachsamkeit bleibt. (b) Missbrauchüberlebende haben kein Vertrauen zu anderen. Wie könnte es anders sein? Wenn man seinen eigenen Eltern nicht vertrauen kann, wem soll man dann vertrauen? Wenn die wichtigsten, nahestehendsten Menschen seines Lebens so unsagbar brutal sind, warum soll man irgendjemandem anvertrauen? Es wäre doch dumm, einem anderen zu vertrauen auch wenn man ihn kennt. Dieses Misstrauen bleibt auch. (c) Missbrauchüberlebende verbergen in sich eine abgrundtiefe Wut. Sie bergen einen Zorn der fast grenzenlos ist. Wieder, wie könnte es anders sein? Wenn man jahrenlang geschlagen und über Jahre vergewaltigt worden ist, wie sollte man nicht Wut und Zorn fühlen? Fast immer wird diese Wut auch verdrängt weil man weder als Kind noch als Erwachsene diesen Zorn aussprechen kann; aber er ist da. Die Wut und der Zorn bleiben auch.

Viertens, ich habe durch meinem Kontakt mit der Welt des Missbrauchs gelernt, dass es eine Heilung gibt — nicht eine völlige, aber eine teilweise Heilung. Ich habe gelernt, dass mit viel Arbeit und Mühe, Missbrauchüberlebende eine unvollständige aber wirksame Heilung erfahren können. Es ist wie eine Wunde die heilt aber eine Narbe hinterlässt. Die Narbe bleibt, das Heilen aber auch. Um diese Heilung zu ermöglichen, müssen Missbrauchüberlebende ihr Leiden anerkennen. Dann müssen sie ihren Missbrauch anerkennen, und als solches nennen: Missbrauch. Überlebende müssen die Wahrheit sagen — sich selbst und anderen gegenüber; das ist gar nicht einfach. Dann müssen Missbrauchüberlebende ihre Vergangenheit betrauern; sie müssen um diesen Teil ihres Lebens Trauer anlegen. Zur selben Zeit müssen Überlebende ein neues Leben aufbauen. Sie müssen sich in kleinen Taten und dann in wichtigeren Situationen ermächtigen. Sie müssen versuchen, Vertrauen zu anderen zu haben, eine Gemeinde zu finden die zu ihnen passt, soziale Beziehungen zu entwickeln, an etwas zu glauben, und sich etwas zu widmen. In seltenen Fällen betrifft der Heilungsprozess auch eine Gegenübersetzung mit dem Missbraucher; aber das kann sehr gefährlich sein. Die Hauptsache ist langsam vorzugehen, nichts in Eile zu tun; immer das Leiden zu respektieren; und immer die Hoffnung auf Heilung wachzuhalten.

Theologische Conclusionen
return to head of document

Mit dieser traurigen Weisheit aus dem Gebiet der Therapie mit Missbrauchüberlebenden kehrte ich zum holocaust und dem jüdischen Volk zurück. Zuerst habe ich gesehen, dass wir, Juden, mit Überwachsamkeit reagieren und, wie es mit Missbrauchüberlebenden ist, so ist es mit uns: übertrieben aber doch berechtigt. Juden heute sind sehr wachsam, was den Staat Israel angeht. Wir sind auch sehr wachsam was den Antisemitismus angeht. Man könnte annehmen, dass viele der Probleme mit den Palästinensern daher rühren. Wie Missbrauchsüberlebende, haben Juden es heute schwer Vertrauen an den anderen zu haben. Christen werden nicht bedingunglos vertraut, wie es vielleicht vor dem Krieg der Fall war. Und wie Missbrauchsüberlebende, verbergen Juden heute in sich eine Wut und Zorn in Bezug auf den holocaust. Ich vermute, dass ein grosser Teil der Assimilation und Mischehen aus einer verdrängten Wut der im holocaust verwurzelt ist, zurückzuführen ist. Ich habe auch eine Verschwörung des Schweigens gesehen weil, obwohl der holocaust endlos diskutiert wird, die Frage um das Verhältnis Gottes zum holocaust nicht gestellt wird. Ich gebe zu, dass mein Buch mehr unter Christen als in jüdischen Kreisen diskutiert wird. Irgendwie haben wir es hier mit einer tiefen Störung zu tun, als ob ein Stein auf unserem kollektiven Herzen liegt. Der holocaust bedrückt uns und wir reagieren wie bedrückte, missbrauchte Menschen.

Dazu habe ich gesehen dass Juden sich als total schuldlos für den holocaust fühlen. Es war nicht unsere Schuld; wir haben nichts getan was so ein Ereignis provozieren könnte; wir haben nichts getan was einen holocaust rechtfertigen könnte. Wir waren nicht nur Opfer, sondern schuldlose Opfer. Wir Juden haben zwar gesündigt aber nicht so viel. Wir haben viele Sünde begangen aber sie waren nicht anderthalb million Kinder wert. Wie bei Missbrauchüberlebenden, war es nie unsere Schuld. Diese Schuldlosigkeit der Realität gegenüber und die sichtbare Reaktionen von Überwachsamkeit, Misstrauen den anderen gegenüber, Verdrängen der Wut, und Verschwörung zum Schweigen, bringt mich zum Schluss dass, sozial-psychologisch gesehen, das jüdische Volk sich benimmt wie ein Missbrauchüberlebender. Mehr noch, was uns Juden passiert ist, war Missbrauch. Noch weiter, was dem holocaust angeht, sind wir, Juden, missbrauchte Menschen. Ich habe es von Missbrauchüberlebenden gelernt: was uns passiert ist, war Missbrauch; wir sind ein missbrauchtes Volk. Der Begriff Missbrauch passt genau.

Diese Analyse zieht uns dennoch in einen theologischen Albtraum: wenn wir schuldlos und daher missbraucht waren, wer war dann der Missbraucher? Wer hat uns diesen Missbrauch angetan? Natürlich stehen in der ersten Reihe die nazis, und dicht daneben, die gleichgültigen Massen. Aber theologisch gesehen: wer war der Missbraucher? Wenn Gott eine aktive Anwesenheit in unserem persönlichen und nationalen Leben ist, wer hat uns diesen Missbrauch angetan? Es gibt keine Flucht vor dem Schluss, dass Gott die theologische Quelle dieses Missbrauchs ist, dass Gott der Missbraucher ist. Dieser Gedanke ist erschreckend. Dass der Missbrauch ein Teil Gottes ist führt zu den Fragen: was für einen Gott haben wir? Wie kann Missbrauch und Liebe in einem Wesen zusammen sein? Was tun wir mit der missbrauchenden Seite Gottes? Könnte Gott es wieder tun? Gibt es `ein nächstes Mal’?

Ich gebe zu, dass ich als Jude, als Rabbiner, und als religiöser, spiritueller Mensch bei dem was ich entdeckt habe sehr erschrack. Könnte ich das denken und noch mehr könnte ich, David Blumenthal, es in der Öffentlichkeit sagen? Am Anfang als ich von diesem Thema sprach, habe ich es sehr verblümt gesagt, sehr indirekt, bis ein Psychotherapeut es gewagt hat mich zu fragen: “Professor Blumenthal, meinen Sie dass Gott ein Missbraucher sei? Weil wenn es so ist, wird es leichter für uns und für Sie sein wenn Sie es direkt sagen würden.” So, ich habe es getan und dachte damit dass es vorbei sei. Aber als ich zum Schreiben kam, war es nicht so einfach. Ich war zwei Tage physisch krank bis ich eingesehen habe dass ich das, was ich schon wusste, eigentlich nicht schreiben wollte. Der Talmud aber lehrt uns: “Die Wahrheit ist der Siegel Gottes.” Wir müssen also die Wahrheit, auch wenn sie unangenehm und selbst erschreckend ist, aussprechen. Wir müssen die Wahrheit für uns, für die Toten, für die Überlebenden, und auch für Gott sagen. Es kann keine wahre Beziehung zwischen uns und Gott ohne diese Wahrheit sein: Gott ist ein Missbraucher, zumindest im Fall des holocaustes.

Protesttheologie
return to head of document

Hic stantibus rebus, was sagt man dannach? Woher sollen wir die Kraft nehmen, mit dieser Wahrheit zu leben? Was ist die richtige religiöse Einstellung zu dieser Einsicht in das Wesen Gottes? Hier, konnte ich mich auf die Tradition verlassen. Das Judentum lehrt dass ein Leidtragender sein Leid sagen muss aber zur selben Zeit ein neues Leben aufbauen muss und eine Gemeinde suchen muss. Ein Missbrauchüberlebender muss auch anfangen sich als Mensch wieder zu erfahren, sich als Jude wieder zu bekennen, und Beziehungen mit der Gemeinde zu entwicklen. Aber am wichtigsten ist protestieren; das heisst, die Warhheit bis hin zu Gott sagen. Hier enthält die Tradition viele Beispiele: Abraham der gegen die Zerstörung Sodoms protestiert. Hiob der gegen seinen eigenen Missbrauch protestiert. Das ganze Buch Hiobs ist ein Protest. Hiob lehnt Gott nie ab; Hiob lehnt auch die Macht Gottes nicht ab. Hiob protestiert: ich bin schuldlos; Du, Gott, bist ungerecht. In der Tradition findet man auch liturgische Gedichte in denen gegen das Schlachten der Juden, das immer ein Teil der Kreuzzüge war, protestiert wird. Man findet auch den “Din Torah” — ein Gerichtsverfahren, mit Rabbinern als Rechtanswälte und Richter, in dem Gott der Angeklagte ist.

Einer der stärksten Texte der Protesttradition ist Psalm 44. Ich habe den Text dieses Psalmes für Sie prepariert und ich möchte ihn Ihnen vorlesen und erklären. Psalm 44 ist in fünf Teile geteilt. Die ersten zwei Teile wurden gerade vor dem Eintritt in einen Krieg hergesagt. Dieser Teil war vielleicht ein Gebet weil wir die Stimmen des Volkes und der Priester hören können. Passen Sie auf den Wechsel von Pronomina zwischen Priester und Volk im zweiten Teil auf. [read 1 and 2]

Zwischen dem zweiten und dem dritten Teil ist etwas passiert. Das Volk hat den Krieg verloren; die Niederlage war schwer — viele Verluste. Der Pslamist spricht seinen Schmerz, in kurzen Sätzen, mit sehr starken Bildwörtern, aus. Ich lese vor. [read 3]

Im vierten Teil, wendet der Psalmist die Theologie dieser Niederlage an — wieder in stärkster Ausdrucksweise. Die Theologie ist sehr klar: Das Volk war Gott treu. Gott hat das Volk verlassen. Das Volk ist schuldlos. Gott ist der der schuldig ist, der den Bund gebrochen hat. Theologie jedoch ist nicht genug; man muss beten können. Im letzten Teil, dann, wendet der Psalmist sich im Namen des Volkes direkt an Gott. Ich lese vor. [read 4 and 5]

Das nennt man Protesttheologie: Wir beten hoffnungsvoll zu Gott. Wenn eine Katastrophe kommt, schliessen wir Gott nicht aus der Geschichte aus. Wir erkennen unsere Schuld aber wir erkennen auch die aktive Gegenwärtigkeit Gottes in unserem Leben an. Wir sagen die Wahrheit über diese Katastrophe — dass Gott schuldig ist, dass Gott Verantwortung dafür trägt. Und dann wenden wir uns an Gott und beten; mehr, wir ersuchen Gott in Befehlform, sich um uns zu bemühen und uns zu helfen. Darf ich diesen Psalm nochmal vorlesen? Jetzt aber werden wir es in einem anderen Kontext hören: Es ist März 1945; wir sind in einem Konzentrationslager; alles geht zu Grunde. [read whole]

Zum Abschluss: Wir müssen die aktive Gegenwärtigkeit Gottes mit dem holocaust gleichzeitig im Bewusstsein halten, wenn wir heutzutage einen aufrechten Glauben haben wollen. Wir können weder Gott noch das Grauen des holocaustes wegschieben. Wir können weder die Verantwortung Gottes, noch die der Menschen, ablehnen. Dazu müssen wir zugeben, dass was uns passiert ist Missbrauch war, und dass Gott ein Missbraucher ist. Weiter, wir müssen in drei Arten reagieren: Zuerst, wir müssen für die Sicherheit des jüdischen Volkes, wo immer Juden sind, gewährleisten. Zweitens, wir müssen eine Heilung, sei es nur teilweise, im Aufbau des jüdischen Volkes und jüdischer Kultur suchen; wir müssen nach einer Ermächtigung des jüdischen Volkes durch seine eigene mannigfaltige Zivilisation — seine Sprache, seine Literatur, seine Geschichte, und so weiter — streben, denn in dieser Ermächtigung liegt die, wenn auch unvollständige, Heilung. Drittens, wir müssen den Missbrauch und den Missbraucher nennen; wir müssen die Warhheit, auch wenn diese sehr unangenehm und erschreckend ist, anerkennen. Viertens, wir müssen protestieren. Meine Freunde, ich versichere Ihnen, dass ich den Text dieses Psalmes nicht geschrieben habe — ich bin geistig nicht so stark — ich habe ihn nur übersetzt. Die Protesttheologie ist da, in der Tradition; wir müssen sie nur kühn benutzen.

Ich wurde immer gefragt: muss man nicht durch den Protest kommen um ein positives Leben zu finden? Das Leben ist nicht so einfach; es geht nicht in einer geraden Linie. Eher, denke ich, leben ist wie segeln. Um in den Wind fortzugehen, muss man lavieren; das heisst, um in der Richtung des Windes zu segeln, muss man rechts und dann links segeln; anders, kann man nicht avancieren. So ist es auch im Leben: um vorwärts zu gehen, muss man lavieren. Eine Heilung von Missbrauch, persönlich oder national, braucht lavieren. Man muss kräftig protestieren und dann energisch sich ermächtigen. Man muss lebhaft seinen Protest beten und dann eindringlich sich zu seiner Selbstbildung durch soziale Taten widmen. Das eine genügt nicht; man muss beides tun. Ich kann Ihnen nur sagen, ich habe diese Protest- und Ermächtigungstheologie in mich aufgenommen. Ich habe diese Protestliturgie gebetet und ich bin aktiv in der Erziehung der neuen Generationen von Juden. Diese spirituelle und gemeinschaftliche Arbeit ist sehr schwer, aber mein eigener Glauben ist stärker, meine Beziehung zu Gott ist tiefer, und meine Verbindung zu meinem Volk fester geworden. Ich bin nicht mehr so froh und unschuldig in meiner Religiösität, aber ich bin tiefer in meiner Spiritualität und Jüdischkeit.

Psalm 44
return to head of document

2 Gott, wir haben es mit unseren eigenen Ohren gehört,
unsere Väter haben es uns erzählt,
was du getan hast zu ihren Zeiten, vor alters.
3 Du hast mit deiner Hand Nationen enterbt
dann hast Du unsere Ahnen eingesetzt;
Du hast die Völker verderbt, und sie vertrieben.
4 Wahrlich, unsere Ahnen haben das Land nicht eingenommen durch ihr Schwert,
ihr Arm half ihnen nicht;
sondern deine Rechte, dein Arm, und das Licht deines Angesichts
denn du hattest Wohlgefallen mit ihnen.

5 Du, Gott, bist mein König.
Befehle den Sieg Jakobs!
6 Mit dir werden wir unsere Feinde durchbohren.
Mit deinem Namen werden wir die, die sich uns widersetzen, zertreten.
7 Wahrlich, ich verlasse mich nicht auf meinen Bogen
und mein Schwert kann mir nicht helfen.
8 Wahrlich, du hast uns auch wider unsere Feinde geholfen
und hast zu Schanden gemacht die, die uns hassen.
9 Täglich rühmen wir durch Gott;
deinem Namen danken wir ewig. Sela.
10 Aber jetzt verlässt und beschämst du uns.
Du ziehst nicht aus mit unserem Heer.
11 Du schlägst uns in die Flucht vor unserem Feind.
Die, die uns hassen, zerfleischen uns freiwillig.
12 Du gibst uns wie Schafe zum Frass.
Du zerstreust uns unter die Nationen.
13 Du verkaufst dein Volk umsonst.
Du gewinnst nichts an ihrem Preis.
14 Du machst uns zur Schmach unserer Nachbarn,
zum Spott und Hohn derer, die um uns sind.
15 Du machst uns zum Beispiel unter den Nationen,
zum Kopfschütteln unter den Völkern.
16 Täglich ist meine Schmach vor mir,
mein Antlitz ist voller Scham
17 von den Stimmen der Vorwerfer und Gotteslästerer,
von dem Wunschbild der Rache am Feind.

18 Dies alles ist über uns gekommen,
doch haben wir dich vergessen?!
Haben wir deinen Bund verlassen?!
19 Unser Herz ist nicht abgefallen,
noch unser Gang von deinem Weg gewichen.
20 Obwohl du uns in betrübtem Ort zerschlägst
und uns mit tiefer Finsternis bedeckst,
21 haben wir den Namen unseres Gottes vergessen?!
oder unsere Hände in Gebet zum fremden Gott erhoben?!
22 Lass Gott selbst es nachprüfen!
Er kennt ja unseres Herzens Grund!
23 Täglich werden wir ja deinetwillen getötet!
Wir sind wie Schafe zum Schlachten!
24 Wache auf!!
Warum schläfst du, Herr?!
Erwache!!
Verstosse uns nicht ewiglich!
25 Warum verbirgst du dein Angesicht?!
Warum vergissest du unser Elend und unsere Drangsal?!
26 Denn unsere Seele ist in den Staub zerstampft,
unser Leib klebt am Erdboden.
27 Steh’ auf!!
Hilf uns!!
Erlöse uns um deiner gnadevollen Liebe willen!!

[1] Ich danke von tiefem Herzen meiner Freundin und Kollegin, Professor Angelika Bammer, für ihre Hilfe mit der Redaktion des Textes dieser Rede. Ohne sie, wäre der Sinn unverständlich und die Sprache schwer. Die Rede ist nachher im Dialogue, 20 (Dez.) 5-21 erschienen.

[2] Im prinzip, schreibe ich nie “Holocaust”; nur “holocaust.” Gleichfall, nie “Nazi”; nur “nazi.”

return to head of document

return to index of Selected Articles

David Blumenthal’s HomePage